Peter Baeumle-Courth
Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen
Ingeborg Bachmann
Was wahr ist
In dem Gebäude des Jugendamts brennt bereits Licht. Es wandert von Raum zu Raum, die Büros werden gereinigt. Mehr oder weniger gründlich. Wo der Staubsauger eben hinkommt. Die Aktenordner bleiben jetzt noch unberührt.
In der Nacht hatte es geregnet, ein wenig. In den kleinen Pfützen spiegelt sich der Schein der Laternen. Erste Passanten überqueren die Straße. Mülltonnen stehen auf den Gehwegen zur Leerung bereit. Die Fenster des Seniorenheims stehen offen, um die Kühle des Morgens hereinzulassen, bevor die Hitze des Sommers die Stadt beherrschen wird. Drinnen werden die Pflegeroboter an den Steckdosen für ihren späteren Einsatz aufgeladen.
Der Wecker meldet sich mit einem durchdringenden Ton. Johanna schreckt auf, stellt den Wecker aus, wälzt sich im Bett. Schatten tanzen an der Wand im Rhythmus einer Musik, die nicht zu hören ist. Durch das Fenster dringt das Flirren der Lichter. Blaues Licht blinkt auf, ein Krankenwagen rast lautlos vorbei. Ein Wagen der Müllabfuhr fährt langsam hinterher. Auf einem runden Holztisch liegt ein dunkelroter Schlüssel neben einem Kalender für 2029. Ein Mann mit einem tief heruntergezogenen Hut kommt näher. Er ist schwarz gekleidet, seine neonfarbenen Sneakers leuchten grell. Er küsst eine ganz in Weiß gekleidete Frau auf die Stirn. An einem Eckhaus öffnet sich die Tür. Ein alter Mann kommt mit seinem Rollator aus dem Haus, stolpert und fällt zu Boden. Niemand hilft. Eine Taube fliegt davon. Zwei Clowns spielen Verstecken. Unter der Küchentür hindurch dringt Wasser in den Flur. Ein Telefon klingelt. Johanna erwacht.
Wieder einmal ist es viel zu spät. Johanna denkt an den bevorstehenden Tag. Was sie zu tun hat. Was von ihr erwartet wird. Bei Tanja Bär, der alleinerziehenden Mutter, vorbeisehen, die für ihre geistig beeinträchtigte Tochter Beate so liebevoll da ist, immer, für Beate mit ihrem unwiderstehlichen Lachen. Solange die Kraft reicht, die Energie, die Ausdauer. Immer in der Angst, das Jugendamt könnte vor der Tür stehen.
Später steht wieder eine Team-Besprechung an. Für Johanna sind diese Sitzungen oft einfach nur Zeitraub. Danach geht sowieso alles wieder weiter wie bisher. Am Nachmittag erwartet dann der 90-jährige Herr Stark ihren Besuch. Er möchte unbedingt in seiner Wohnung bleiben, auch wenn ihm alles immer schwerer fällt. Am späteren Nachmittag hat Johanna dann noch Telefonbereitschaft. Die ist auch wichtig.
Sie ist müde. Beinahe wäre sie noch einmal eingenickt. Doch sie steht auf, zieht sich langsam ihren Morgenmantel über und geht in die Küche. Schaltet gewohnheitsmäßig das Radio ein. Rachmaninoff, op. 38 Nr. 5. Sie erkennt das Stück sofort. Sie mag es sehr.
Das Geschirr vom Abendessen steht noch auf dem Tisch. Der kleine Rest eines angebissenen Käsebrots liegt auf einem Unterteller. Johanna ärgert sich, dass sie nicht gestern bereits aufgeräumt hat. Sie nimmt die Dose mit den Kaffeebohnen aus dem Wandschrank, öffnet sie, befüllt die kleine elektrische Mühle und schüttet schließlich das Pulver in den Filter. Sie verschüttet etwas davon, wischt es mit der Hand zusammen und gibt es ebenfalls in den Filter. Heiß tropft der Kaffee in die Glaskanne. Der Duft zieht durch die gesamte Küche. Das Licht des Schalters der laut gurgelnden Kaffeemaschine flackert. Johanna atmet durch.
Johanna hat zu lange geschlafen, beim Frühstück getrödelt, vor dem Kleiderschrank zu lange vor all den Hosen, Röcken und Blusen gestanden und sich schließlich für eine bequeme Jeans und eine weiße, kurzärmlige Bluse entschieden. Es soll heute wieder sehr warm werden.
Sie steigt viel später als üblich in die Straßenbahn ein. In den Augen der anderen Fahrgäste liest sie Müdigkeit, Angespanntheit, Traurigkeit. Die Bahn hält am Marktplatz, die Uhr steht auf exakt zwölf Uhr. Den ganzen Tag. Ein Gewimmel von Menschen auf dem Platz. Ist das nicht Tanja Bär, die eben ausgestiegen ist? Kurz fallen Johanna die Augen zu. An der Haltestelle Rabenweg kann sie gerade noch aussteigen, bevor sich die Türen der Straßenbahn ruckartig wieder schließen. Es ist bereits jetzt heiß. Drückend und schwül.
Im Büro sitzen, Berichte schreiben, telefonieren. Vieles ist zu tun, was Johanna lästig findet. Dennoch vergeht die Arbeit wie im Flug.
Der Besuch bei Familie Bär ist heute wieder reine Routine gewesen. Johanna bedauert das, sie hätte gerne mehr Zeit für die Menschen, doch das Metronom des Alltags schlägt unerbittlich.
Die Mittagspause ist kurz. Mit ihren Kolleginnen geht sie zum Imbiss an der Ecke, die Zeit genügt gerade eben für einen gemischten Salat. Auf der Straße gibt es einen Rückstau. Hupen. Heute wird der Restmüll abgefahren. Die Ampeln stehen auf Rot.
Mit großer Mühe begibt sich Herr Stark langsam, sehr langsam an die Tür, öffnet Johanna. Er murmelt einen Gruß, setzt sich auf den Stuhl, den er im Flur neben das Telefon gestellt hat, und holt tief Luft. Er sieht auf das Telefon. Wann hat es zuletzt geklingelt? Neben dem Apparat liegt ein dunkelroter Schlüssel in einer blauen Schale. Herr Stark hustet.
Johanna schämt sich für ihre Gedanken: Wie lange der alte Mann wohl noch hier leben kann? Überhaupt: Noch leben kann? Aus der Küche dringen Geräusche in den Flur. Ein Topf mit kochendem Wasser. Wie lange es schon brodeln mag?
Johanna kann sich nicht mehr genau erinnern, wann sie beschlossen hat, Diana und Ewald zu besuchen. Vermutlich ist ihr der Gedanke, den Kontakt wieder aufzufrischen, nach einem flüchtigen Austausch von Kurznachrichten gekommen. Sie kennt Diana seit der Studienzeit, eine gefühlte kleine Ewigkeit. Sie ist so etwas wie eine ältere Schwester für Johanna gewesen. Eine Schwester hatte sie sich oft gewünscht. Seit Diana mit Ewald zusammenlebt, ist der Kontakt eingeschlafen.
Johanna steht vor dem großen Eckhaus mit der schmucken Fassade und seinen hohen Fenstern. Sie geht durch den gepflegten Vorgarten, der permanent leicht mit Wasser berieselt wird, und blickt auf das vergoldete Namensschild. Sie betätigt die Klingel. Eine dezente Glocke ertönt.
Diana öffnet, bittet Johanna herein und umarmt sie zur Begrüßung. Es ist fast wie früher. Sie gehen in das große Wohnzimmer, das die Anmutung einer Bibliothek besitzt. Bücherregale, die bis zu der hohen Decke reichen, randvoll mit alten Werken, deren Einbände sich zum Teil auflösen, und mit neueren Büchern, die in ihrer kunterbunt gemischten Farbvielfalt eine andere Zeit verkörpern. Auf kleinen Tischen liegen weitere Bücher, die in den Regalen keinen Raum mehr gefunden haben. Ein kleiner, dunkelroter Metallwürfel befindet sich in einem der Regale zwischen Büchern von Anne Weber und Edgar Allen Poe. Der Schein der Lampe spiegelt sich in dem Würfel, der wie ein kleiner Safe aussieht.
Die Frauen sitzen an einem Tisch, auf dem Diana Platz für zwei kleine Tassen aus feinem Porzellan freigeräumt hat. Ewald kommt herein, Johanna steht auf, deutet eine Umarmung an. Ewald erzählt, dass sie drei Karten für ein Konzert besorgt haben. Und ob sie Johanna einladen dürften, was sie bejaht, nachdem sie die Überraschung verarbeitet hat. Sie hat nichts anderes vor an diesem Abend, zu Hause wartet niemand auf sie. Sie ist zwar nicht passend gekleidet, findet Johanna, doch überzeugt Ewald sie in seiner charmanten Art, dass sie in ihrer weißen Bluse auf jeden Fall schick genug sei.
Sie kommen etwas zu spät, die Aufführung hat bereits begonnen. Beethovens Siebte. Sie drängen sich vorbei an den bereits Sitzenden und nehmen in der Mitte Platz. Ein missmutiges Raunen geht durch die Reihe. Dann wird die Musik lauter. Der Dirigent steht im Schatten, ist in seiner schwarzen Kleidung nur schemenhaft zu erkennen. Er betont mit der Bewegung seines rechten Fußes den Rhythmus. Der Blick des Publikums fällt unweigerlich auf seine neonfarbenen Schuhe.
Johanna dreht sich zur Seite. Wo sie Diana und Ewald wähnte, sitzen zwei grell geschminkte Clowns. Einer der beiden starrt Johanna mit großen Augen an, die nicht versteht, was sie sieht. Die Musik ist verstummt, der Dirigent verschwunden. Johanna stellt fest, dass ihre Jeans am Knie aufgerissen ist. Auf der Bühne steht lachend Beate ganz in weiß gekleidet und winkt. Herr Stark sitzt auf einem Sofa und winkt ebenfalls. Ein Nebelschleier legt sich auf Johannas Blickfeld, alles verschwimmt, alles wird schwarz.
Johanna erwacht. Sie blickt erschrocken auf die Uhr und erinnert sich konsterniert, dass sie den Wecker zuvor selbst ausgestellt hat. Nun ist es viel zu spät. Was hat sie heute bloß wieder geträumt? Sie erinnert sich nur bruchstückhaft. Ihr Herz bebt. Draußen vor dem Fenster hat der Sommertag bereits begonnen. Johanna steht hastig auf, zieht sich ihren Morgenmantel über und geht in die Küche. Das Geschirr vom Abendessen steht noch auf dem Tisch. Sie schaltet das Radio ein. Rachmaninoff.
Als es bei Tanja Bär klingelt, erschrickt sie. Wer mag das sein? Sie sagt zu Beate: „Ich hab’ Dich lieb!“. Dann öffnet sie die Tür.