Es geht nicht anders. Die Tische stehen dermaßen eng aneinander, die Frau, die ich auf etwa Mitte 40 schätze, spricht viel in ihr Mobiltelefon und vor allem nicht gerade leise. Es geht nicht anders, ich muss es hören. Selbst, wenn ich versuche, mich auf mein Buch zu konzentrieren. Ich höre es. Ich höre fast alles.
An einem milden Sommertag sitze ich im Café Haselnuss und habe das bestellte Kännchen Kaffee bereits vor mir auf dem runden Tisch stehen. Von einer liebenswürdigen Bedienung, die mit wachem Blick aufmerksam die hübsch dekorierten Tische beobachtet und versucht, den Gästen unauffällig ihre Wünsche von den Lippen ab-, vor allem jedoch aus ihren Körperbewegungen, ihren Gesten herauszulesen.
Vor mir liegt ein Buch. Ich studiere den Einband, den Text über die Autorin, beginne zu lesen. Ab und zu nehme ich einen Schluck Kaffee. Inhaliere den feinen Geruch. Und lese weiter.
Im Buch bin ich gerade auf Seite 10 angekommen. Der Wind schließt das Fenster in der Geschichte gerade mit einem lauten Knall, als sich die Mittvierzigerin an den kleinen Tisch neben mir setzt. Sie bestellt einen großen Cappuccino, den die Bedienung ihr bereits bringt, als ich Seite 13 aufgeschlagen habe.
Eine junge Frau mit einer dunkelroten Mappe kommt in das Café, sieht sich um. Die Frau am Nebentisch beendet ihr Telefonat, erhebt sich und winkt.
„Guten Morgen, ich bin Vicki Kluth von Ecofrogger. Du bist Lena?“
„Ja, ich komme auf den Post… Der Job als Verkäuferin...“
„Ah, genau. Nimm bitte Platz, Lena.“
Vicki Kluth setzt sich wieder, Lena nimmt ihr gegenüber Platz.
Die beiden sprechen nicht übermäßig laut, doch befinden sie sich höchstens anderthalb Meter von mir entfernt. Mein Versuch, konzentriert weiterzulesen, wird wohl kaum erfolgreich sein. Wegsehen ist möglich, wenn man das möchte, doch gezielt weghören? Das geht kaum.
Kurz muss ich darüber nachdenken, wie selbstverständlich hier das „Du“ verwendet wird. Obwohl die Gesprächspartnerinnen nicht im geringsten auf Augenhöhe miteinander sprechen. Die Zeiten ändern sich. Wenn es nur das Duzen wäre.
Auf Seite 15 lege ich mein Lesezeichen in das Buch und schenke mir aus der kleinen, weißen Kanne nach. Der Kaffee ist erfreulicherweise immer noch warm.
„Lena, was möchtest Du trinken?“
Lena blickt sich um, sieht zunächst auf meinem Tisch die altmodische Kaffeekanne und den dazugehörigen Herrn mit grauen Haaren, dann blickt sie zu Vicki und dem dickbauchigen Glas, das vor ihr steht.
„Ich nehme auch einen Cappuccino.“
Vicki dreht sich in Richtung Theke, wo die Bedienung lächelnd nickt. Sie hat den Wunsch bereits vernommen und geht zur Kaffeemaschine.
Ich schlage mein Buch wieder auf, damit es am Nachbartisch nicht so aussieht, als würde ich gebannt dem Gespräch der beiden Frauen lauschen.
„Lena, erzähle doch mal von Dir. Was machst Du bisher?“
Lena berichtet, vielleicht eine Spur angespannt und nervös, dass sie im Moment als Aushilfe bei einem Discounter arbeitet, nun aber endlich eine feste Stelle, am besten Vollzeit, möchte.
„Ah, Lena, Du weißt, dass wir Teilzeit- und Vollzeitstellen zu besetzen haben, also, das ist schon denkbar. Würdest Du denn auch mit Teilzeit einsteigen?“
Vicki blickt auf Lena, wobei sie nicht nur auf deren Antwort wartet, sondern auch ihre Körperhaltung und ihr Mienenspiel taxiert.
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Für den Anfang. Ich möchte später natürlich von dem Job auch leben können. Also dann werde ich schon Vollzeit machen wollen.“
„Das ist kein Problem, Lena, das ist ja auch klar. Wie sieht es bei Dir denn zeitlich aus? Wärst Du denn auch an Wochenenden einsetzbar? Wir haben oft verkaufsoffene Sonntage, da ist richtig viel los.“
Lena muss überlegen. Ich nehme an, sie denkt darüber nach, welche Antwort für das Bewerbungsgespräch geeignet sein könnte. Meine Einschätzung, beinahe schon eine Art Vorurteil, dass in jener Generation Überstunden nur mäßig beliebt sein dürften. Und an Sonntagen erst recht nicht. Doch vielleicht täusche ich mich? Lena antwortet und spricht dabei langsamer als zuvor.
„Genau, ja. Ich bin schon echt flexibel. Ab und zu wäre ein Sonntag auch in Ordnung.“
Es ist zu spüren, wie sie sich einen Ruck gibt, eine Sperre überwindet.
„Wie sieht es eigentlich mit Überstunden aus? Wie werden die bezahlt?“
Vicki lächelt.
„Bei Ecofrogger ist das schon klasse, ich nutze das selbst auch gerne. Also. Schon an Samstagen gibt es den anderthalbfachen Stundensatz, generell, pauschal. Und an Sonntagen sogar den doppelten. Und es gibt natürlich ein Überstundenkonto, aus dem man sich auch schon einmal einen Tag freinehmen kann. Also, wenn die Situation im Laden das erlaubt.“
„Ah, das klingt nicht schlecht.“
Ich sehe kurz hinüber zum Nachbartisch. Lenas Gesichtsausdruck sagt mir, dass Vickis Auskunft nicht für große Begeisterung sorgt. Doch Lena möchte das Gespräch fortsetzen.
„Wie oft würden denn Sonntagsschichten anfallen?“
„Gar nicht so super oft. Wenn alle im Team sich beteiligen, dann vielleicht einmal pro Monat.“
Vicki atmet tief und fährt fort.
„Und wir sind ja, wie Du siehst, gerade dabei, das Team personell stärker aufzustellen. Vielleicht hilfst Du uns dabei?“
Lena lächelt wieder.
Ich merke, dass mich das Gespräch am Nachbartisch vollständig in Beschlag nimmt. Mein Buch liegt unverändert aufgeschlagen auf Seite 15 vor mir, wobei ich immerhin ab und zu mit meinem Bleistift einen belanglosen Schnörkel neben den Text zeichne. Ab und zu lese ich ein, zwei Sätze weiter.
Vicki setzt die Befragung zu den vorbereiteten Stichworten fort, Lena fühlt sich nach meiner Einschätzung nicht all zu wohl, vielleicht ist sie pessimistisch und denkt, dass sie die Stelle nicht bekommen wird.
Das gesamte Gespräch hat nicht besonders lange gedauert, Lena hat gerade eben ihren Cappuccino zu Ende getrunken. Vicki ergänzt, dass sie sich melden wird. Wobei sie, wenn ich mich richtig erinnere, den Plural verwendet hat.
„Lena, danke Dir für Dein Kommen. Wir werden uns bei Dir melden.“
Lena steht auf, nimmt ihre Mappe an sich und zückt ihr Handy, um an der Theke zu bezahlen. Bargeldlos selbstverständlich. Vielleicht hat sie überhaupt kein Bargeld dabei, denke ich, denn sie hat nur eine sehr kleine Handtasche bei sich, in die gerade einmal das Handy zu passen scheint.
„Lena, lass‘ nur, das Getränk zahlen wir.“
„Oh, vielen Dank. Dann…“
„Genau, dann hörst Du von uns! Ciao!“
Vicki blättert in ihren Unterlagen. Lena geht hinaus und begegnet in der Tür einer anderen jungen Frau, die hereinkommt und sich umsieht. Mit ihrem knallroten Oberteil zieht sie die Blicke im Café auf sich.
Vicki richtet ihren Blick erwartungsvoll auf sie.
„Guten Morgen, ich bin Vicki von Ecofrogger. Du bist sicher Melika Mendt?“
„Ja, genau. Hallo.“
„Prima, nimm doch Platz.“
Die so angesprochene junge Frau setzt sich Vicki gegenüber an den kleinen Tisch. Cappuccino scheint das Getränk schlechthin zu sein, denn ohne langes Überlegen entscheidet sich auch Melika dafür, was die aufmerksame Bedienung erneut bereits von der Theke aus erkennt und durch ihr mir bereits bekanntes Nicken bestätigt.
Ich blicke wieder in mein Buch und nehme mir vor, jetzt wirklich weiter zu lesen. Daher verpasse ich weitgehend den Dialog zu Beginn, jedenfalls die Details. Das Gespräch mit Melika scheint mir jedoch sehr ähnlich zu verlaufen wie das zuvor. Bei einem Stichwort horche ich auf.
„Und ich habe das richtig gelesen, Ihr habt mehrere Filialen und eröffnet demnächst noch weitere?“
„Ja, genau, Melika, unser Unternehmen hat gerade eine tolle Wachstumsphase. Warum fragst Du?“
„Ich wohne etwas außerhalb, nicht in der Stadtmitte. Noch kann ich mir hier keine Wohnung leisten. Also, ich meine, ich muss mit Bus und Bahn kommen.“
„Ah, ich verstehe.“
„Ja, und da komme ich zwar gut hierher ins Zentrum, aber in die Vororte wäre es schon ziemlich mühselig.“
Vicki verzeiht Ihr Gesicht ein wenig. Für sie ist es nicht das Problem des Unternehmens, wenn ihre Mitarbeiterinnen in der Pampa wohnen und von dort nicht wegkommen. Das möchte sie offenbar nicht so klar sagen. Sie versucht auszuweichen.
„Nun, wir haben festgestellt, dass es in den größeren Vororten ein großes Kaufpotenzial bei unserer Kernkundschaft gibt. Deswegen ist sicher nachvollziehbar, dass wir dort auch Filialen haben. Aber nicht jede Mitarbeiterin muss in jeder Filiale arbeiten, logisch. Auch deswegen bauen wir unser tolles Team im Moment ja gerade so stark aus!“
Bei diesen Worten lacht Vicki und hofft, dass Melika die Nebelkerzen nicht durchschaut.
Das Gespräch fließt weiter, zwischendurch ist es für mich zu einer Art Hintergrundgeräusch geworden. Ich höre allerdings deutlich, wie Melika auf die Frage nach Überstunden von Vicki die Antwort bekommt, an Sonntagen würde es den anderthalbfachen Stundensatz geben, das aber höchstens einmal im Vierteljahr anstünde. Und selbstverständlich auch nicht für alle aus dem Team.
Überraschenderweise bin ich bis Seite 19 gekommen, dort steckt jetzt mein Lesezeichen. Die Kaffeekanne ist leer, die Gespräche am Nebentisch finde ich auf ihre Weise ganz aufschlussreich. Ich bestelle noch einen Kaffee. Zu den Gesprächsfetzen, die an mein Ohr dringen, und zu den Zeilen im Buch, die meine Augen aufnehmen, gesellen sich zahlreiche Gedanken, die meine Aufmerksamkeit beanspruchen.
Gerade ist dieses zweite Bewerbungsgespräch ebenfalls zu Ende gegangen. Melika verabschiedet sich, während Vicki die entstehende Pause für ein kurzes Telefonat nutzt, bei dem sie wenig zu Wort kommt und oft nur ein kurzes „Ja“ beisteuert.
Kaum hat Vicki das Handy wieder beiseitegelegt, da tritt eine rothaarige Frau mittleren Alters an den Nachbartisch. Vicki erhebt sich, reicht die Hand.
„Guten Morgen, willst Du zu Ecofrogger? Ich bin Vicki. Und Du bist Helen?“
„Ja, bin ich. Freut mich, dass es heute noch geklappt hat!“
„Schön, dann nimm doch Platz. Was magst Du trinken?“
Ich habe mit mir selbst darauf gewettet, dass ich die Getränkeauswahl bereits kenne. Doch Helen wirft einen knappen Blick auf die überschaubare Auswahl an kalten, alkoholfreien Getränken und entscheidet sich für eine Rhabarberschorle. Die freundliche Bedienung kommt an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.
Vicki scheint etwas hektischer zu sein als zuvor. Ob es an dem Telefonat liegt?
Vicki hat sich betont aufrecht hingesetzt, blickt Helen in die Augen und stellt die wesentlichen Punkte zu dem Jobangebot dar. Obwohl ich versuche, nicht gar zu konzentriert zuzuhören, nehme ich wahr, dass kein Wort zu Überstunden gesagt wird, ein möglicher Einsatz in den Filialen in den Stadtteilen nicht erwähnt wird.
Helen kommt kaum zu Wort. Sie erweckt jedoch auch nicht den Eindruck, als ob sie viele Fragen stellen wollte. Das fällt Vicki offensichtlich nach ein paar Minuten ebenfalls auf. Sie beendet ihren Monolog und spricht die Bewerberin an.
„Helen, hast Du bis hier schon irgendwelche Fragen?“
Helen wirkt etwas verlegen, antwortet zögerlich.
„Nein, nein, - im Moment eigentlich nicht.“
Wieder muss ich zum Nachbartisch sehen. Vickis Gesichtsausdruck hat sich verändert. Ich male mir aus, wie sie sich nun denkt: „Was glaubst denn Du, wie lange das Gespräch noch dauern wird? Du wirkst ja interessiert wie ein Siebenschläfer. Wenn Du unsere Kundinnen genauso lebhaft ansprichst, können wir gleich Insolvenz anmelden.“
Vicki antwortet Helen allerdings eine Spur zurückhaltender.
„Nun gut, dann melde Dich, wenn Du noch Fragen haben solltest. Mein Handy und die Mail hast Du ja.“
Helen nickt, dann fällt ihr immerhin doch noch eine Frage ein.
„Ach so, ab wann wäre die Stelle denn?“
Vickis Mimik sagt mir, dass sie etwas genervt sein dürfte. Mit gezwungen ruhiger Stimme antwortet sie.
„Genau, ja. Das könnte schon ab dem nächsten Monat sein. Wenn das für beide Seiten passen sollte.“
„Ok, danke. Klingt ja gut.“
„Dann verbleiben wir so, Helen. Wir melden uns, wenn wir die Gespräche alle geführt haben, denn wir haben ziemlich viele Bewerbungen.“
„Ja, klar. Danke.“
Helen steht auf und geht zur Theke, wo sie ihre Rhabarberschorle bezahlt.
Vicki bleibt sitzen, sieht noch einmal in ihre Unterlagen.
Jetzt ist es ruhig am Nachbartisch. Eigentlich könnte ich nun gut weiter in meinem Buch lesen. Doch die Bewerbungsgespräche von Ecofrogger beschäftigen mich. Wer wird die Stelle bekommen? Vielleicht werden auch mehrere Verkäuferinnen eingestellt werden? Ob Helen einen Hauch einer Chance hat? Immerhin musste sie ihr Getränk selbst bezahlen. Absicht oder Nachlässigkeit von Vicki?
Mein Lesezeichen steckt jetzt auf Seite 23 im Buch. Immerhin. Meine Kaffeekanne ist leer. Ich nehme das Buch und meine Jacke, stehe auf, gehe zur Theke und bezahle.
Wie Vicki sich entscheiden wird? Für die lebendige, vielleicht eine Idee zu skeptisch wirkende Lena, für Melika in ihrem knallroten Oberteil, die allerdings außerhalb wohnt, oder für die eher unmotiviert wirkende Helen? Oder für keine der drei?
Noch bevor ich bei der Tür des Cafés angekommen bin, wird diese schwungvoll geöffnet, ein Mann in Jeans und blauem Jackett tritt ein, gefolgt von Lena, Melika und Helen. Die Gruppe geht an den kleinen Tisch zu Vicki, die völlig überrascht zu sein scheint und reflexartig aufsteht.
Im Hinausgehen höre ich noch, wie der Mann Vicki anpflaumt, dass sie mit den Bewerbungsgesprächen völlig überfordert gewesen sei. Ich bekomme nicht mehr mit, wie Vicki sich verteidigt, fast bedauere ich sie in diesem Moment. Offenbar wurde sie mit den Gesprächen von ihrem Chef auf die Probe gestellt.