Er blickt in die Runde. Sein Stellvertreter, der grauhaarige Walter Vaine, schaut zum Fenster hinaus auf die weitläufige Wiese. Seine Außenministerin, Rita Arhuleta, seine weiteren Minister und Mitarbeiter, sie sagen ebenfalls nichts. Einige sehen mit leerem Gesichtsausdruck auf ihre Unterlagen, die nach wie vor als Ausdrucke vor ihnen liegen. „Papier kann nicht abgehört werden“, sagt die Sicherheitsbeauftragte immer.
Der Präsident atmet tief durch. „Rita, Orson, Walter, was meint Ihr?“
Nun, da sie direkt angesprochen werden, bleibt ihnen nichts anderes übrig. Sie müssen sich äußern.
Walter Vaine, der Vizepräsident, meldet sich zuerst.
„Nun, ein Knopf ist im Allgemeinen dazu da, gedrückt zu werden, ha-ha. In diesem speziellen Fall, also ich meine, dieser rote Knopf…“
Rasch verliert Vaine den Faden, sein Gesicht läuft so rot an, wie der Knopf, über den gesprochen wird.
Rita Arhuleta, die Außenministerin, versucht in ihrer stets anteilnehmenden Art, Vaine zu helfen. Sie greift demonstrativ dessen Satzbeginn auf.
„Dieser rote Knopf erfordert, wie wir alle wissen, sehr sorgfältiges Abwägen. Ihn zu drücken, das wäre nicht umkehrbar.“
Verteidigungsminister Orson Stoop wiegt seinen Kopf.
„Wenn die Angriffe fortgesetzt werden, dann sehe ich irgendwann keine Alternative. Dann müssen wir den Knopf drücken. Und meine Erfahrung, meine wirklich langjährige Erfahrung sagt mir, das sollte eher früher als später, als zu spät, geschehen!“
In der Runde macht sich eine nervöse Stimmung, eine Unruhe breit.
Wirtschaftsminister Ted Devine lehnt sich auf seinem Stuhl nach vorne und räuspert sich.
„Wenn wir gerade sowieso alle nachdenken, ich habe über den Ticker soeben erfahren, dass der Börsenwert der Rüstungsfirmen in unserem Land in den letzten drei Tagen um über 15 Prozent angezogen hat! Das sollten wir mit berücksichtigen, denke ich.“
Devine lächelt kurz in die Runde, dann lehnt er sich wieder auf seinem Stuhl zurück.
„Ted, Du alter Börsenfreak, wir sind hier in einem Sicherheitsraum, schon vergessen? Wieso bekommst Du Nachrichten über den Ticker?“
Der Verteidigungsminister ist sichtlich erzürnt. Doch Devine kontert nur halbherzig.
„Das kam selbstverständlich verschlüsselt. Und, Orson, Du hast Dein Gerät auch nicht ausgeschaltet, wie ich sehe!“
Stoops Handy leuchtet genau in diesem Moment auf, eine für alle vernehmbare Vibration ist zu vernehmen. Der Verteidigungsminister senkt den Kopf, er legt keinen gesteigerten Wert auf die Fortsetzung des kleinen Streits.
Präsident Keegan rollt ohnedies mit den Augen. Er musst es nicht aussprechen, er ist diese völlig unnötigen und infantilen Neckereien leid. Aber er hat nun einmal genau dieses Personal, er hatte es sich sogar seinerzeit selbst ausgesucht. Damals, als er sein Amt stolz und voller Tatendrang übernommen hatte.
„Hey, mal was anderes: Habt Ihr auch so einen Hunger wie ich?“
Alle drehen sich um und blicken zu Orson Stoop, der mit einem solch banalen Vorschlag die Diskussion unterbricht. Nach einem Moment pflichtet Walter Vaine ihm jedoch bei.
„Hungrige Mägen sind nicht gut, das stimmt, Orson.“
Der mit 34 Jahren Jüngste in der Runde, Sekretär Barton Plain aus dem Verteidigungsministerium, rangniedrigster Teilnehmer, fühlt sich verpflichtet, seinen Dienst anzubieten.
„Soll ich etwas bestellen?“
Lawrence Keegan rollt erneut mit den Augen, während die übrigen männlichen Minister eine leichte Entspannung, wenn nicht sogar Vorfreude auf eine Mahlzeit bekommen. Nur die Außenministerin hält sich dezent zurück. Vaine ergreift das Wort.
„Danke, gerne.“
Vaine blickt in die Runde.
„Wie wäre es mit Pizza? Der Mexikaner unten am Milagro Place macht eine ganz tolle Gusti Stelle e Strisce! Für jeden eine?“
Es ist eine rhetorische Frage, Walter Vaine diktiert es mehr dem Sekretär, der zum Präsidenten sieht, um zu erkennen, ob dieser sein Einverständnis zu einer Pizza-Sammelbestellung gibt. Keegan erhebt keinen Widerspruch, er rollt auch nicht mehr mit seinen Augen. Barton Plain vergewissert sich.
„Dann bestelle ich zwölf Pizzen?“
Nur eine ganz leichte vertikale Kopfbewegung des Präsidenten genügt und der Sekretär greift zu dem roten Sicherheitstelefon, wählt die Eins und lässt sich mit der Pizzeria am Milagro Place verbinden.
Als Plain den Hörer wieder aufgelegt hat, ergreift Keegan das Wort.
„Rita, meine Herren, können wir uns nun wieder der zentralen Frage zuwenden?“
Demonstrativ erwidert der Vizepräsident, nicht ganz ohne einen leichten Anflug von Ironie:
„Jawohl, Herr Präsident!“
Der Verteidigungsminister feixt und knufft Ted Devine in die Seite. Rita Arhuleta denkt sich ihren Teil angesichts dieser männlichen Sitzungsrituale und Lawrence Keegan versucht erneut, das Gespräch ernsthaft fortzusetzen.
„Orson, kannst Du uns die Entwicklung der letzten 48 Stunden kurz darstellen? - Also, wirklich kurz!“
Der Verteidigungsminister bemüht sich um einen seriösen Ton.
„Klar, mache ich.“
Die Ausführungen von Orson Stoop gestalten sich als längerer Monolog, dem selbst der Präsident nicht ganz konzentriert zuhört. Ted Devine beginnt, kleine Strichmännchen in seinen Notizblock zu kritzeln. Rita Arhuleta hat ihr Handy diskret eingeschaltet und scrollt durch die neuesten Nachrichten.
Während Stoop seine Ausführungen allmählich zu beenden beginnt, leuchtet Walter Vaines Smartphone wieder auf. Der Vizepräsident liest mit ernster Miene eine Nachricht, sein Gesicht wird bleich. Der Präsident fragt nach.
„Walter, was ist passiert?“
„Lawrence, meine Frau liegt im Krankenhaus. Ich, ich muss … Ich sollte mich um meine Frau kümmern… Und um meine Kinder. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich muss sofort los…“
Der Präsident, der vor seinem Volk viel Wert darauf legt, seine berüchtigte Härte überall zur Schau zu stellen, kann seinen Vize dennoch gut verstehen. Kurz muss er an seine eigene Frau denken. Wo ist die eigentlich gerade?
Keegan wendet sich Walter Vaine zu.
„Oh, Walter, das ist schrecklich. Klar kannst Du gehen, nein, Du musst sogar. Das ist Deine Pflicht! Viel Glück!“
Der Vizepräsident nimmt sein Handy, lässt sämtliche Unterlagen an seinem Platz liegen und verlässt den Raum. Rita Arhuleta murmelt etwas von gelebter Gleichberechtigung und dem engagierten Einsatz von Vätern.
Orson Stoop hat zwischenzeitlich seine Darstellung beendet. Es klopft, Barton Plain geht zur Tür und öffnet. Ein Sicherheitsmann reicht einen Stapel Pizza-Kartons herein, auf denen ein Bohnenfeld in einem außerordentlich kitschigen Sonnenuntergang zu erkennen ist.
„Die Pizzen sind save“, bestätigt der Bote.
Der verlockende Duft breitet sich im Sicherheitsraum aus. Außer Rita Arhuleta bekommt niemand mit, wie die massive Tür wieder in ihr Schloss fällt. Die anderen haben sich bereits auf die Kartons gestürzt und mit der Mahlzeit begonnen. Die Außenministerin greift zu einer Serviette und nimmt ebenfalls eine Pizza.
„Guten Appetit! Und stellt die leeren Kartons bitte nicht auf den roten Knopf.“
Es bleibt unklar, ob jemand ihren Hinweis bei den im Raum herrschenden Kaugeräuschen gehört hat. Jedenfalls lacht niemand. Nicht einmal Orson Stoop.
Der Präsident stellt fest, dass dies die konzentrierteste Phase der Besprechung ist. Kein Durcheinander von Redebeiträgen. Schweigen. Kauen.
Die ersten Stelle e Strisce sind verzehrt, Barton Plain sammelt die leeren Kartons ein und stapelt sie auf einem kleinen Tisch neben dem Telefon.
„Oh, wir haben hier noch eine Pizza übrig“, fällt Verteidigungsminister Stoop auf.
„Hat jemand noch Hunger?“