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Peter Baeumle-Courth

Bolero

 

Selbstverständlich hielt er sich für frei. In allem, was er tat, was er dachte. Frei im Denken, frei im Handeln. Wenn er ehrlich war, dann war er überzeugt, dass es weit und breit niemanden gab, der so individuell, so eigensinnig war. Schließlich war er Graf Hubert von Geißen, sein Familienstammbaum über Jahrhunderte dokumentiert.

 

Sein treuer Diener, Harald Wagner, tat seit einer Ewigkeit Dienst beim Grafen. Man hätte in den Unterlagen nachsehen müssen, wollte man das genaue Datum wissen. War das Haar des Dieners bei der Einstellung noch braun und dicht, so schimmerte es heutzutage in einem dezenten Taubengrau und zeigte die bei vielen Männern typischen örtlichen Ausfallerscheinungen.

 

An jenem Freitag war der Graf zu einer Gesellschaft in Langbergen geladen. Ein nobles Restaurant richtete die Veranstaltung aus, zu der die High Society der Region sowie einige Vertreter der örtlichen Politik kommen würden. Der Diener holte die zweitürige englische Limousine aus der großen Garage und fragte den Grafen, ob er ihn fahren solle. Dieser verneinte mit einer lässigen Geste seiner Hände, welche bereits von dem feinen Leder der Handschuhe umschmeichelt wurden, die der Graf bei Ausfahrten zu tragen pflegte.

 

Neben den Handschuhen trug der Graf noch eine charakteristische Kappe mit Karo-Muster. So verließ er das stattliche Anwesen und bog auf die zu dieser Zeit hier nicht stark befahrene Landstraße ein. Der englische Motor schnurrte wie eine Raubkatze, konnte indes auch laut brüllen, wenn der Graf ihm die Sporen gab. Flink nahm die Katze die engen Kurven, der Fahrer lächelte zufrieden, während sich der Pulsschlag erhöhte.

 

Der Graf dachte an die Abendgesellschaft und daran, mit welchen Menschen er es dort zu tun haben würde. Sicher kam die korpulente Baronin Zoutvas, da diese kaum eine Möglichkeit ausließ, ihre neueste Garderobe in Tateinheit mit einem unglücklich gequetschten Dekolleté zur Schau zu stellen. Häufig nahm der eitle Vorsitzende der Juliane-Reuter-Stiftung bei solchen Veranstaltungen teil, dieser Justus Trostseifen in seinen immer eine Spur zu eng sitzenden Anzügen, die angeblich trotzdem alle maßgeschneidert waren. Dass der Oberbürgermeister in seinem nur von ihm selbst als schick eingestuften Kaufhaus-Anzug mit einer zuverlässig unpassenden Krawatte und einer langweiligen Ansprache zur Eröffnung kommen würde, war sicher. Vielleicht würde ihn seine Ehefrau mit ihren platinblond gefärbten mittellangen Haaren begleiten, die fast nie etwas Geistreiches sagte, jedoch in ihren meistens sehr farbenfrohen Kostümen gerne mit auf die Pressefotos kam. Auch Jens Britzinger, der glücklose Schriftsteller, Verfasser von äußerst vorhersehbaren Kriminalromanen, würde vielleicht bei der Veranstaltung erscheinen. Auf der Stirn des Grafen waren ein paar Extrafalten zu erkennen.

 

Vielleicht würde die bekannte Malerin, die nur unter ihrem Künstlernamen Waldfee in Erscheinung trat, ebenfalls teilnehmen. Sie wäre wenigstens ein Lichtblick, optisch mit ihrer lebendigen Natürlichkeit und - nach dem Geschmack des Grafen - gerade der richtigen Portion Weiblichkeit, aber auch intellektuell, denn mit ihr konnte er sich über ernsthafte und tiefgreifende Themen unterhalten, bei denen die Baronin und der Eitle in seinem Maßanzug auch nicht ansatzweise mitreden konnten. Hatten die Waldfee und er sich nicht beim letzten Mal so tiefschürfend über die philosophischen Ansichten von Kierkegaard und Sartre unterhalten und dabei den vortrefflichen Château Cheval Blanc genießen können?

 

Bei diesen Gedanken hellte sich die Miene des Grafen wieder auf, die Extrafalten verschwanden von seiner Stirn. Vielleicht würde sich Gelegenheit bieten, mit der Waldfee eine Runde spazieren zu gehen, sich von der vermutlich insgesamt wieder eher öden Gesellschaft zu entfernen und über wirklich sinnvolle Themen zu sprechen. Vielleicht… Der Graf unterbrach seine weiteren Gedanken. Dezent trommelten die Lederhandschuhe den Rhythmus von Ravels Bolero auf das weiche Lenkrad. Der Graf lächelte.

 

Kurz bevor der Bolero seinen ekstatischen Höhepunkt erreicht hatte, gab es unvermittelt ein hartes Geräusch von reibendem Metall, die Raubkatze kam abrupt zum Stehen. Gerade konnte der Graf den Wagen noch an den Rand der Straße lenken, dann wurde es ruhig, sehr ruhig.

 

Einen Moment lang saß der Graf unbeweglich in seinem weichen Ziegenleder, dann löste er den Gurt, öffnete die Tür des Wagens und stieg aus. Er musste seine Gedanken sortieren, sein Pulsschlag war bereits wieder erhöht, wenn auch aus einem anderen Grund als zuvor.

 

Für eine Sekunde verfluchte er seine Eigenart, niemals ein Mobiltelefon mitzunehmen. Eigentlich war immer sein treuer Diener oder anderes Personal in der Nähe, sodass der Graf seine als Wünsche verkleideten Ansagen an den Mann oder die Frau bringen konnte. Doch nun war er allein auf ziemlich weiter Flur. Wohl irgendwo in der Mitte zwischen seinem Zuhause und dem nächsten Ort. Selbstverständlich hatte der Graf es stets abgelehnt, das edle englische Fahrzeug mit einem neumodischen Navigationsgerät nachzurüsten.

 

Der Wagen ließ sich nicht starten. Natürlich nicht, dachte der Graf, das wäre auch zu einfach gewesen. Schließlich bin ich nicht auf der Welt, um es einfach zu haben. Ich liebe die Herausforderung. Neulich habe ich den Vortrag über das Leben der vom Aussterben bedrohten gefleckten Schnarrschrecke ganz ohne Notizzettel gehalten. Außerdem war ich da barfuß, mir war eben danach.

 

Der Wagen ließ sich auch nach diesem Rückblick auf das Heuschrecken-Referat nicht starten. Die Gedanken des Grafen irrten zwischen Kierkegaard und der Waldfee hin und her. In der Ferne krähte ein Hahn zu dieser vollkommen unpassenden Uhrzeit.

 

Der Graf zuckte zusammen, als ein Schatten auf seinen Wagen fiel. Er blickte sich um. Nahezu unhörbar hatte sich ein elektrisches Fahrzeug genähert, ein schmuckloser gelber Kombi mit einem Kindersitz auf der Rücksitzbank.

 

Die Fahrerin stieg aus und näherte sich. Ihr knielanges, blaues Kleid wehte leicht im Wind. Die Frau mit ihren platinblonden Haaren erschien dem Grafen wie ein Engel, der die Erlösung brachte. Unwillkürlich zog er seine karierte Kappe ab.

 

„Ich hatte keine Lust, mit meinem Mann vom Rathaus aufzubrechen. Darum habe ich mich alleine auf den Weg gemacht. Und“, lächelte die Frau den Grafen an, „offenbar war das eine gute Entscheidung. Ich vermute, wir haben dasselbe Ziel. Ich darf sie mitnehmen?“

 

 

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