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Peter Baeumle-Courth

Bekenntnisse das Bahn-Managers Ansgar Stahl

 

Guten Tag, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Dr. Ansgar Stahl, ich bin seit einigen Jahren einer der Top-Manager bei der Eisenbahn.

Sie kennen mein Unternehmen sicher lange schon. Wir arbeiten stets effizient, pünktlich und zuverlässig. Gut, sagen wir, wir geben unser Bestes. Wir sind stets bestrebt, das Kundenerlebnis kontinuierlich zu verbessern.

Meine Frau meckert oft, wenn ich das so beschreibe. Doch das ist kein Marketing, ich denke wirklich, dass es so ist. Doch, nun ja, sie muss auch jeden Morgen die Regionalbahn nehmen zu ihrer Arbeit. Da erlebt sie schon so Sachen, ist nicht immer schön, aber ich kann es doch auch nicht ändern.

Wenn ich in meinem Dienstwagen zur Vorstandssitzung fahre, habe ich endlich Zeit, die Hektik des Alltags ein wenig auszublenden und in Ruhe Hörbüchern wie „Mord im Orient-Express“ zu lauschen.

Den Zug kann ich zu meinem Bedauern derzeit nicht nehmen, denn auf der Strecke werden die Signalanlagen modernisiert. Vom Feinsten sage ich Ihnen! Wenn das mal alles fertig sein wird, dann kann die Ella Langis von der Zentrale in Frankfurt über ihr Handy alle Weichen steuern. Alle Weichen! Und nicht nur von Frankfurt aus, eigentlich von überall. Auch vom Strand, vom Biergarten aus oder von der Wanderung auf den Bergen. Obwohl, Internet braucht Ella schon. Da oben kann das auch mal etwas eng werden mit der Verbindung. Ach, egal, dann gibt es halt wieder eine der Meldungen, wenn was von der Zugspitze aus nicht klappt. Verspätung aus vorheriger Fahrt. Vorfahrt eines anderen Zuges. Oder gerne auch Störungen an einem Signal.

Besser als Störungen im ganzen System.

Neulich hatten wir da irgendwo in der Pampa einen kleinen Böschungsbrand. Wirklich klein. Da ist dann die Feuerwehr ausgerückt und dieser ganze Kram. Natürlich mussten unsere schönen Züge wieder herumstehen und warten. Ich denke ja, da kann man auch mal mit Schmackes vorbei donnern, Augen zu und durch, da würde schon nichts passieren. Aber die Sicherheitsvorschriften sind eben sehr rigide.

Nun, und wenn sonst gar nichts mehr anderes hilft, dann nehmen wir Personen auf dem Gleis. Das weckt bei unseren Kunden gleich noch ein wenig die Freude am Drama. In Tateinheit mit unterschwelligem Mitgefühl. Ob den Menschen auch nichts passiert ist?

Es ist stets sehr befreiend, wenn wir dann ein wenig später durchsagen können, dass die Personen im Gleis aufgegriffen wurden. Das klingt immerhin nicht nach weggetragen, also scheinen die Menschen noch zu leben. Es wäre auch nicht toll, wenn wir detailliert durchsagen würden, dass der ICE 4612 von Norddeich Mole nach Interlaken Ost die auf dem Gleis befindlichen Personen vollständig zerfetzt habe. Dann schmeckt den Reisenden die Currywurst im Speisewagen plötzlich nicht mehr. Unser Verkaufsschlager auf dem rollenden Rad.

Neulich stand ich wahrhaftig selbst einmal auf einem Bahnsteig. Ich wollte mir ansehen, wie unsere vielen Angestellten ihren Alltag verbringen. War ein bisschen blöd, der Aufzug war defekt, eine Rolltreppe gab es nicht. Musste ich die Treppe nehmen. Und dann auf dem Bahnsteig: Da standen für meinen Geschmack etwas viele Menschen herum. Klasse natürlich, dass mein Unternehmen so gefragt ist, hatte ich mir gedacht. In den Mienen der Leute war allerdings nicht nur große Freude auf eine bevorstehende Zugfahrt zu erkennen. Traum eines jeden Kindes, oder? Ein Paar jammerte in seinem Heimatdialekt, viele Zischlaute, das habe ich zum Glück nicht alles verstanden. Sollen sie doch zu Fuß gehen, wenn es ihnen mit meinem Unternehmen nicht gefällt, dachte ich mir. Aber ich war ja „undercover“ auf dem Bahnsteig, mein Gesicht kannte sicher niemand. Und ein Namensschild, wie unsere zahllosen Bahnbegleiter sie tragen, hatte ich mir selbstredend nicht an meinen wertvollen maßgeschneiderten Anzug geheftet.

Eine Frau mit einem großen Plastikkoffer und zwei großen Tragetaschen stellte sich neben mich. Weniger als drei Meter von mir entfernt. Gefühlt schon ziemlich nah. Ich fragte mich, ob sie verreisen wollte oder vom Einkauf kam. Ihr frisches Gesicht lachte mich an, wie wenn sie meine Gedanken erkannt hätte. Sie öffnete den Koffer. Dieser war leer. Dann nahm sie die beiden Taschen und schüttete deren Inhalt in den Koffer. Dann faltete sie die Taschen zusammen und packte diese ebenfalls in den Koffer. Zu mir gewandt meinte sie fröhlich, dass sie den Koffer vorhin im Sonderangebot gesehen hätte. Und da musste sie einfach zugreifen. Jetzt war sie auf dem Nach-Hause-Weg nach, habe ich vergessen, irgend so ein kleines Dorf, in dem unsere Züge in der Tat auch kurz halten. Ich muss in meinem Büro bei Gelegenheit durchrechnen lassen, ob sich das wirklich lohnt.

Mein Zug kam dann übrigens bald. Nun, jedenfalls kam er nicht gar zu spät. Mit dem Auto stehe ich schließlich auch hin und wieder im Stau. Und da habe ich keinen Speisewagen in erreichbarer Nähe.

Und damit endet mein kleiner Bericht aus dem Innenleben des Systems, in dem ich noch 217 Tage wirken darf. Dann endlich Ruhestand. Ich plane eine längere Reise nach Island. Dort fährt, meines Wissens, keine Eisenbahn.

 

 

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