„Jeder sieht in dir, was er will, das muss nicht heißen, dass du so bist.“
Iris Wolff
„Das können wir so nicht machen. Das Geld ist überhaupt nicht im Haushalt vorgesehen.“
Der Leiter des Planungsamtes, Dr. Stefan Fischbach, ist aufgebracht. Seine grauen Haare stehen rund um die kahle Stelle auf seinem Hinterkopf zu Berge. Er wäre gerade viel lieber zu Hause, statt hier wieder wegen so eines fruchtlosen Gesprächs Überstunden zu machen. Doch was heißt Überstunden? In seiner Position werden die sowieso nicht gezählt. Also ist das alles hier eigentlich für lau. Um nicht zu sagen: Umsonst.
Seine Mitarbeiterin, Monika Meier-Sternenburg, blättert etwas verlegen in den Unterlagen. Auch sie wäre gerne zu Hause - bei Richard, ihrem Mann. Denn für den Abend hat Tochter Martina nach längerer Zeit wieder einmal ihren Besuch angekündigt.
Julia Schmid, die für den Verein „Lebendiges Haslach“ zusammen mit Kurt Bausch, dem Vorsitzenden, an dem Gespräch teilnimmt, ist fassungslos.
„Das klang letzte Woche in der Gemeinderatssitzung noch ganz anders!“
„Frau Schmid …“, versucht Monika Meier-Sternenburg zu vermitteln, doch der Amtsleiter fällt ihr ins Wort.
„Junge Frau, dann haben Sie vielleicht nicht richtig zugehört?“
Er ergänzt mit angespannter, lauter Stimme: „Ich habe zu dem Punkt klar und deutlich gesagt, dass das schon aus finanziellen Gründen so nicht umgesetzt werden kann.“
Einige lange Sekunden herrscht Schweigen, dann erhebt sich Kurt Bausch von seinem Stuhl, der beim Verschieben auf dem nackten Boden quietscht.
„Wenn das so ist, dann können wir das Gespräch hier beenden.“
Julia ist überrascht, steht dann auch auf. Sie kann Kurt nicht im Stich lassen, nicht in dieser Runde. Beide verabschieden sich mit knappen Worten und verlassen den Raum.
Monika Meier-Sternenburg blickt ihren Amtsleiter an, der indes nur auf seine Uhr schaut und mit sichtlicher Genugtuung bemerkt, dass er nun doch noch etwas von seinem Abend haben wird.
An der noch jungen Silberlinde im Melanchtonweg treffen sich Julia Schmid, Leonie und Kurt Bausch und einige andere, die sich bei „Lebendiges Haslach“ stark machen für ein solidarisches Miteinander und für wirksame Maßnahmen, den Stadtteil lebenswert zu gestalten. Einige sitzen auf Bänken, andere haben Klappstühle, Sitzkissen und Decken mitgebracht. Verschiedene Getränke sind auf einem Klapptisch aufgebaut wie eine kleine Bar. Alle haben sich ein Glas oder eine Tasse mitgebracht und etwas eingeschenkt, Apfelsaft, Mineralwasser, Bier. Von dem großen Baum neben der Linde blicken zwei Amseln neugierig herunter auf die Menschengruppe.
Leonie wendet sich an Julia.
„Sag‘ mal, wie fandest Du das Gespräch bei der Stadt denn? Kurt hat mir seine Sicht ja schon erzählt…“
„Sagen wir: Erst einmal interessant. Aber nach der zuerst sachlichen Diskussion fiel dem Fischbach plötzlich ein, dass eh kein Geld da sei. Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht.“
„Und dann seid Ihr wortlos gegangen?“
„Wortlos nicht ganz, aber Kurt fand es richtig, an der Stelle abzubrechen. Darum haben wir uns kurz verabschiedet und sind gegangen.“
„Und jetzt? Wie geht es weiter?“
„Das wissen wir auch noch nicht genau. Außer dem Fischbach war noch eine Sachbearbeiterin mit dabei, eine Frau Meier-Irgendwas, die schien mir nicht ganz einverstanden zu sein, wie das so lief. Sie wollte ihrem Chef aber wohl nicht in den Rücken fallen.“
Kurt stellt sein Glas ab.
„Wir haben in den Unterlagen nachgeschaut. Das Geld wäre schon da, es ist nur im Haushalt auf mehrere Positionen verteilt.“
Julia lächelt.
„Das können wir als Mail an die beiden vom Planungsamt schicken. Vielleicht kommen wir dann auf dem Weg doch noch weiter“, ergänzt Kurt.
„Hoffentlich“, bestärkt Leonie ihren Mann und nimmt einen Schluck.
Florian und Irene haben unterdessen eine kleine Lautsprecherbox aufgestellt. Über ihr Handy beschallen sie den Platz mit Musik. Einige Beine wippen bereits. Bald wird getanzt.
Die Fenster des Büros 507 im Stadtplanungsamt stehen offen, der Gesang der Amseln vermischt sich mit dem lauten Gurgeln der Kaffeemaschine. Monika Meier-Sternenburg weiß, dass sie mit ihrem Chef am besten bei einer Tasse Kaffee sprechen kann. Um diese frühe Zeit. Wenigstens hat er in seinem Kalender Termine erst für später eingetragen.
Sobald der Kaffee durchgelaufen ist, nimmt sie den Filter ab und befüllt zwei Tassen. Mit dem Freiburger Stadtwappen und dem über die Jahre vergilbten Aufdruck „Sufer isch’s“.
Monika geht mit den Tassen den Flur entlang und klopft kurz, wo auf dem Namensschild Dr. Fischbach steht, Leiter des Planungsamts. Sie wartet die Antwort nicht ab, öffnet die Tür und sieht ihren Vorgesetzten, der sich in seinem Ledersessel herumdreht und gerade auf das Klopfen antworten möchte. Sein Blick ist zunächst unwillig, beinahe mürrisch. Als er die Tassen sieht und den ersten Hauch frischen Kaffees in die Nase bekommt, wird sein Gesichtsausdruck milder.
„Monika, womit habe ich das verdient? Am frühen Morgen!“
Sie weiß, dass das ein guter Einstieg in das Gespräch sein kann, das sie mit ihm führen möchte. Schließlich ist ihr die unschöne Diskussion gestern noch lange nachgelaufen. Den halben Abend hatte sie sich nicht auf die Gespräche mit ihrer Tochter konzentrieren können, so sehr belastete sie, wie ihr Chef sich verhalten hatte. Vor allem der Frau gegenüber, die in der Diskussion engagiert war und zugleich sehr sachlich blieb.
„Stefan?“
„Ja?“
„Kann ich Dich noch einmal zu dem Treffen gestern sprechen?“
„Du beginnst bereits. Nur zu.“
Der Amtsleiter setzt sich etwas aufrechter in seinen Sessel, sodass er auf Augenhöhe mit seiner Sachbearbeiterin ist. Er lächelt etwas gezwungen.
„Stefan, weißt Du, mich hat das noch lange beschäftigt. Du hast so klar, so hart formuliert, dass im Haushalt kein Geld eingestellt sei. Aber ich habe vorhin extra noch einmal nachgeschaut, genau genommen ist der Betrag nur auf drei Haushaltspositionen aufgeteilt, weil verschiedene Teile anders verbucht werden, aber finanziell würde das schon klappen.“
Bei der ersten Erwähnung des Haushalts entweicht das Lächeln aus seinem Gesicht.
„Und, Monika? Müssen wir das denn jedem so genau aufdröseln?“
Sie kennt ihren Chef seit Jahren, kann seinen Gesichtsausdruck gut genug einschätzen und erkennt, dass es trotz des frischen Kaffees offenbar doch kein guter Moment ist. Ohne auf diese ohnehin rhetorisch gemeinte Frage einzugehen, nimmt sie ihre Tasse und verlässt das Büro.
Auf dem Flur fühlt Monika sich plötzlich alleine. Inmitten von etwa vierzig Kolleginnen und Kollegen, die in den umliegenden Büros arbeiten.
Kurt Bausch freut sich. Es sind sehr viele gekommen zur Vereinsversammlung, gerade werden aus dem Nebenraum noch weitere Stühle gebracht.
Mit seinem Kugelschreiber, einem Werbegeschenk der Ganter-Brauerei, klopft er zwei, drei Mal an sein Glas, das zur Hälfte mit Mineralwasser gefüllt ist. Das Gemurmel im Saal wird leiser, verstummt schließlich ganz.
Der Vorsitzende ruft einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen auf. Eine klar strukturierte Versammlungsleitung. Als Punkt 11 aufgerufen wird, steht in der letzten Reihe ein älteres Ehepaar auf und geht.
Unter Punkt 13 geht es um den Bericht von dem Gespräch mit der Stadt. Kurt hat keine Lust, von der misslungenen Unterredung zu erzählen.
„Unsere Kollegin Julia Schmid war mit mir bei dem Gespräch dabei und kann hierzu sicher einiges sagen. Nicht wahr, Julia?“
Julia hat bereits geahnt, dass Kurt nach zwölf im Monolog-Stil abgehandelten Punkten genau diesen an sie abgeben würde. Doch das stört sie nicht. Sie macht das Beste daraus.
„Gerne doch, Kurt“, übernimmt sie lächelnd. Erzählt ihre Sicht der Dinge. Ergänzt, dass sie nach dem Gespräch erfahren hat, dass das erforderliche Geld im Haushalt doch eingeplant ist. Trotz der Aussage des Amtsleiters.
Als anderthalb Stunden später der letzte Punkt beendet ist, Kurt die Sitzung für beendet erklärt, fürchtet Julia, dass sie längst nicht alle im Saal motivieren konnte, sich - vielleicht stärker noch - zu beteiligen. Wahrscheinlich sind 27 Tagesordnungspunkte auch etwas zu viel für eine solche Versammlung. Julia denkt nach.
Die Musik wird langsam ausgeblendet. Das war Saggy Hope mit „Never give up“. Es ist achtzehn Uhr. Hier ist Radio Dreyeckland mit den Nachrichten aus Freiburg. Eben erreicht uns die Meldung, dass die 35-jährige Julia Schmid zur Spitzenkandidatin der „Haslacher List(e)“ gekürt wurde, die zur nächsten Gemeinderatswahl erstmals antreten wird. Schmid erklärte, der „zum Teil sehr unanständige Umgang der Verwaltung mit Bürgerinnen und Bürgern“ motiviere sie, sich zu engagieren.
„Das sollte sich ändern, dafür trete ich an“, so Schmid auf der Wahlversammlung im Haslacher Bürgerhaus.